| Rezension: "Brennende Augen – Johannes Lepsius" |
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Ein Leben reicht nicht Johannes Lepsius’ Kampf für die Opfer des Völkermords Rezension von Jochen Mangelsen, Bremen
Neu auf dem Buchmarkt – eine anrührende Erzählung über das aufopfernde Leben des evangelischen Pastors Johannes Lepsius: „Brennende Augen“ von Brigitte Troeger. Die Autorin beleuchtet die Biographie dieses Mannes nicht von außen, von seinem Werk her, sie beschreibt ihn vielmehr aus einer ganz privaten Perspektive als glühenden Theologen, als jugendlichen Abenteurer, als mitleidenden Menschenfreund, als Familienvater und als Mann, der gesteuert ist von seiner Trauer um die Opfer eines ungeheuerlichen Völkermords – und der aus dieser Trauer eine schier unendliche Kraft zieht für seine politische und humanitäre Arbeit. Dieser Blick von innen auf eine so bedeutende Figur der Zeitgeschichte erweitert unser bisheriges Bild dieses Mannes. Wir sehen ihn nicht mehr nur als Objekt historischer Analyse, wir erleben ihn vielmehr als den Mittelpunkt eines vitalen und kreativen gesellschaftlichen Zirkels mitten in Potsdam: Ein Kraftfeld, das von hier aus heilsam bis nach Urfa, bis in die mesopotamische Wüste wirkte. Und so verstehen wir, warum das Lepsius-Haus in Potsdam endlich wieder mit Leben gefüllt werden musste, warum dieses Haus Gedenk- und Forschungsstätte werden musste: Weil hier der Geist von Humanität, von mitfühlender Menschlichkeit und Liebe lebendig ist.
Die Autorin greift zu einem Trick, uns diesen Mann näher zu bringen: Sie dokumentiert nicht, sie erzählt. Sie zieht den Leser über diese Erzählung in den Bann eines Mannes, der zu seiner Zeit große Überzeugungskraft ausgestrahlt haben muss. Ein Menschenfänger, der sein Umfeld wie selbstverständlich eingebunden hat in seine große Vision eines umfassenden Hilfswerks für die verfolgten Christen im Orient. Und der doch daran zerbricht, dass er sein Werk nicht abschließen kann. Er wünscht sich am Ende „kein zweites Leben“, er will dieses erste und einzige Leben fortsetzen: „Die Armenier brauchen mich noch.“
Dokumentarische Fiktion
Die literarische Gattung einer dokumentarischen Fiktion ist immer zwiespältig, gefährliches Terrain sozusagen. Ganz frei ist auch dieses Buch nicht davon. Manchmal wirken die Dialoge gekünstelt und papieren, wenn sie historische Fakten und Dokumente transportieren sollen, wenn kluge Antworten durch naive Fragen herausgefordert werden. Aber das sind doch immer nur wenige Passagen. Auf der anderen Seite schafft sich die Autorin mit einem solchen Ansatz die Freiheit, Szenen und Figuren einzuführen, die beispielsweise den Opfern Namen und Gesicht geben, die emotionale Bindung herstellen. So gelingt es Brigitte Troeger sehr einfühlsam, das private Leben der Familie Lepsius mit der Weltgeschichte zusammen zu führen. Dann sind wir fasziniert, dieser Mann im pausenlosen Einsatz für seine politischen, publizistischen und humanitären Ziele zu erleben.
Die Autorin verknüpft ihre Erzählung mit einer abendlichen Gesprächsrunde im Lepsius-Haus am Tag des Prozesses gegen den armenischen Studenten Salomon Teilirian, der in Berlin den türkischen Organisator des Massenmords, den ehemaligen Innenminister Talaat erschossen hatte. Lepsius war als Sachverständiger aufgetreten und konnte mit seinem beeindruckenden Bericht über die Hintergründe der Tat zum überraschenden Freispruch beigetragen. Nun reden die Freunde, darunter der Dichter Amin T. Wegner, über den Fall und über die armenische Sache...
Aktenmanipulation
In jüngster Zeit wird die Figur Lepsius ja eher unter der Fragestellung beleuchtet, wie sehr und warum der Mann die Veröffentlichung der Akten des Auswärtiges Amtes zum Völkermord an den Armeniern manipuliert habe. Eine Debatte, nebenbei, die 80 bis 90 Jahre danach nicht besonders originell ist und ohnehin ziemlich einseitig – von türkischer Seite natürlich klar interessengeleitet - geführt wird, weil sie die Bedingungen und die Abhängigkeiten der damaligen Zeit außer acht lässt. Beispielsweise: Das Innenministerium zwingt Johannes Lepsius ins Exil, das Außenministerium beauftragt ihn mit der Publikation der Akten. Brigitte Troeger nimmt diese Fragen nicht auf, aber sie hilft uns, Leben und Wirken des Johannes Lepsius wieder so in den Blick zu nehmen, dass das eine große Projekt in den Mittelpunkt rückt: der aufopferungsvolle Einsatz und die unschätzbare Hilfe für die armenischen Opfer der Massaker in den 1890er Jahren und des Genozids von 1915. Sie erzählt uns von einem Mann, den sein Glaube stark macht und der seinen Mut aus der schlichten Überzeugung schöpft, dass die Welt nicht zuschauen darf, wenn ein Volk vernichtet wird. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Brigitte Troeger: Brennende Augen – Johannes Lepsius: Ein Leben für die Armenier. Sein Kampf gegen den Völkermord“. Brunnen Verlag Gießen, 2008. 206 Seiten. ISBN 978-3-7655-1904-8
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